Mangelhaftes Recycling trübt positive WDVS-Ökobilanz

14. Juli 2013
In den Medien finden sich zahlreiche Angaben zur Ökobilanz von WDVS, die sich nur schwer überprüfen oder miteinander vergleichen lassen. Allen gemeinsam jedoch ist die Schlussfolgerung, dass die Ökobilanz von WDVS positiv ist.

Eingerüstetes Haus
Dämmung holt im Lauf ihrer Nutzung ein Vielfaches der eingesetzten Energie wieder rein. © Berres


2010 hat das Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg in der Broschüre "Dämmstoffe im Hochbau" deutlich gemacht, wie unterschiedlich die Angaben zum Primärenergieverbrauch von Dämmstoffen in verschiedenen Quellen sind. Danach bewegt sich die Primärenergie, die für die Herstellung von EPS-Dämmplatten eingesetzt werden muss zwischen 160 und 750 kWh/m³. Laut Werner Eicke-Hennig vom Institut für Wohnen und Umwelt (IWU), der die Hessische Energiespar-Aktion leitet, hat sich an dieser großen Bandbreite bis heute nichts geändert. Unter dem Strich sei das aber eh egal, so der Experte. Denn gleich ob 100 kWh oder 800 kWh, im Laufe ihrer Nutzungsjahre holt die Dämmung ein Vielfaches der eingesetzten Energie wieder rein.

Besonders anschaulich macht das der Fachverband Wärmedämmverbundsysteme, der den Primärenergieaufwand für ein WDVS zur Fahrleistung eines Autos in Beziehung setzt:

Um ein Haus mit 130 Quadratmetern Fassadenfläche zu dämmen, wird demnach so viel Primärenergie aufgewendet, wie ein Auto für eine Fahrstrecke von 9.000 Kilometern benötigt. Über die Jahre – der WDVS geht von 40 Jahren Nutzung aus – spare die Sanierung eines Altbaus dieser Größe jedoch ein Vielfaches davon. Mit der eingesparten Primärenergie von 1.000.000 Kilometern ließe sich die Erde 25 mal mit dem Auto umrunden. Welche Annahmen dieser Aussage zugrunde liegen, lässt sich der Webseite des Verbandes allerdings nicht entnehmen.

Das Institut für Wohnen und Umwelt gibt in Ausgabe 2 der Hessischen Energiespar-Informationen "Wärmedämmung von Außenwänden mit dem Wärmedämmverbundsystem" den Primärenergieverbrauch zur Herstellung und Verarbeitung von Wärmedämmverbundsystemen mit 6 bis 7,5 Litern Rohöl für einen Quadratmeter an (bei 15 Zentimetern Schichtdicke der Dämmung). Dabei variiert der Verbrauch je nach Art des verwendeten Systems leicht. Allerdings ergeben sich keine relevanten Unterschiede bezüglich der Verwendung von Polystyrol oder Mineralfaserdämmstoffen, dominierend sei der Energieeinsatz zur Herstellung der verschiedenen Putze, heißt es.

Vergleich von Außenwandsystemen bezieht Entsorgung ein


Sowohl das IWU als auch der Bundesverband WDVS beziehen die Entsorgung der Dämmstoffe nicht in ihre Betrachtungen ein. Anders eine aktuelle Untersuchung von Architekt Stefan Oehler und Bauingenieur Prof. Hans Georg Reinke. Sie haben die Nachhaltigkeit von Fassadenbaustoffen verglichen und die Ökobilanz von zehn Außenwandtypen berechnet, wobei sie neben Herstellung und Verarbeitung der Wandbaustoffe auch die Entsorgung beziehungsweise Wiederverwendung einbeziehen. Am besten schneiden dabei die Wandaufbauten mit dem Baustoff Holz ab. Alle anderen Systeme weisen einen Primärenergiebedarf zwischen 169 und 292 kWh/m² Wandfläche auf.

Nehmen wir an, der Primärenergiebedarf des WDVS beträgt 246 kWh/m², wie von Oehler/Reinke für eine Stahlbetonwand mit WDVS ermittelt. Dann sind das bei einem Haus mit einer Fassadenfläche von 100 m² insgesamt 24.600 kWh/m² Primärenergiebedarf. Gleichzeitig spart die Wärmedämmung wie im Beispiel unter "Wärmedämmung spart Energie" berechnet, 1.226,4 l Öl oder m³ Gas pro Jahr ein (bei einer Verbesserung des U-Werts der Wand von 1,7 auf 0,24 wie in der EnEV 2009 vorgeschrieben). Das entspricht 12.264 kWh/m².

Der Vergleich hinkt, weil kaum jemand sein 100-Quadratmeter-Einfamilienhäuschen als Stahlbetonbau errichten wird. Dennoch wird deutlich: Selbst, wenn der gesamte Lebenszyklus eines WDVS betrachtet wird, stehen dem Primärenergieverbrauch deutlich höhere Energieeinsparungen gegenüber. Bei vielen Systemen wird der Primärenergieeinsatz schon nach wenigen Monaten wieder eingespielt.

Auch die Umweltbilanz einer Dämmung ist laut IWU positiv: "Betrachtet man die bei der Herstellung der Dämmung anfallenden Emissionen im Vergleich mit den jährlich eingesparten Mengen aus der Heizung, so werden bei Dämmstärken unter 20 Zentimeter bereits im ersten Winter mehr Emissionen eingespart als bei der Herstellung des WDVS auftraten", heißt es in den Hessischen Energiespar-Informationen.

Beim Recycling sind noch Fragen offen


Kritiker führen immer wieder an, dass die Entsorgungsfrage bei Wärmedämmverbundsystemen mit Polystyrol nicht geklärt ist. Am Ende der Nutzungsdauer müssten die Systeme als Sondermüll entsorgt werden. Tatsächlich gibt es derzeit keine Verfahren für die Wiederverwertung von Polystyrol-WDVS im großen Stil.

Das muss sich ändern, denn die in der EU-Abfallrahmenrichtlinie 2008/98/EG geforderte Novellierung des Kreislaufwirtschaftsgesetzes sieht vor, dass bis 2020 insgesamt 70 Prozent aller Bau- und Abbruchabfälle stofflich verwertet werden müssen. Aus diesem Grund haben der Fachverband Wärmedämm-Verbundsysteme, der Industrieverband Hartschaum und die  Qualitätsgruppe WDVS (Österreich) Ende 2012 ein Forschungsprojekt gestartet, in dem untersucht werden soll, wie und ob Teile von WDVS-Systemen weiterverwertet oder zur Not thermisch entsorgt werden können.

Zurzeit sind die Mengen, die zur Wiederverwertung anfallen, gering, weil kaum WDVS von Fassaden entfernt werden. Bestehende Systeme mit geringen Dämmstärken werden meist an der Fassade belassen und aufgedoppelt, um den Wärmeschutz an die aktuellen Anforderungen anzupassen. Dementsprechend gering ist das Interesse etwa von Unternehmen aus dem Maschinenbau, in die Entwicklung von Recycling-Anlagen zu investieren.

Durchgeführt wird das Recycling-Projekt, das zügig Ergebnisse bringen soll und auf 18 Monate angelegt ist, von den Fraunhofer-Instituten für Bauphysik (IBP) und Verfahrenstechnik und Verpackung (IVV) sowie dem Münchner Forschungsinstitut für Wärmeschutz (FWI).
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