Armin Scharf

Weniger ist mehr

Armin Scharf, 26. August 2014

Vor 23 Jahren wurde in Deutschland das erste offizielle Passivhaus gebaut – und hat seitdem viele Nachfolger. Sogar Berghütten, Hallenbäder und Hochhäuser sind inzwischen auf dem Passivhaus-Niveau angekommen. Allen Zweiflern zum Trotz:

das Passivhaus hat sich bewährt und ist ein Modell für die Zukunft. Dass Menschen beim Betreten eines Passivhauses in Atemnot geraten, erscheint zunächst als extrem abwegig. Andererseits: Warum nicht, denn längst haben moderne Schamanen und Verschwörungstheoretiker im energieeffizienten Bauen ein beliebtes und vor allem lukratives Betätigungsfeld gefunden. So ranken sich auch um das Passivhaus wilde Theorien, die wahlweise die Funktionsweise dieser Bauweise negieren oder sie mit Plastiktüten vergleichen, in denen die Bewohner langsam zugrunde gehen. Denn Passivhäuser atmen nicht!

Das stimmt sogar – denn Passivhäuser haben keine Lunge und führen auch keine rhythmischen Saugbewegungen aus. Übrigens tut dies kein einziges Haus auf der Welt. Wenn dennoch (viel) Luft ein- und ausströmt, dann sind Fassaden und Dach löchrig, das Haus ein Problembau kurz vor dem Kollaps. Ganz abgesehen davon, dass mit jedem Luftschwall wertvolle Energie aus dem Inneren verloren geht.

Genau deshalb verfügt das Passivhaus über eine luftdichte und überdurchschnittlich gedämmte Hülle – schließlich lässt sich der Wärmeenergie nur durch Reduktion des Transmissionsverlustes per Dämmung und des Konvektionsverlustes durch Luftströme in eine Größenordnung bringen, die das Passivhaus auszeichnet. 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr darf der Heizwärmebedarf nicht übersteigen, so das zentrale Kriterium für ein Passivhaus. Mit durchschnittlich 100 Kilowattstunden liegt der Baubestand quasi Lichtjahre davon entfernt.

Atemnot ist im Passivhaus höchstens ein psychologisches Problem: denn dank der kontrollierten Belüftung mit Wärmetauschern dürfte nirgendwo die Raumluft so gut sein wie hier. Es atmet also doch, das Passivhaus – nur anders eben. Und außerhalb des Horizontes von Bauschamenen.

Übrigens haben das inzwischen auch viele Bauherren erkannt: Laut Fraunhofer-Institut für Bauphysik geht der Neubautrend klar in Richtung Passiv- oder gar Plusenergiehaus. Dabei lässt sich auch der Bestand in den Passivhaus-Standard aufwerten, wie die Sanierung zahlreicher Siedlungsbauten zeigt. Und sogar ein Hochhaus in Freiburg wurde vor wenigen Jahren zu einem funktionierenden Passivhaus ertüchtigt. Schulen, Hallenbäder, Supermärkte und Bürogebäude, ja sogar alpine Hütten werden heute als Energiezwerge realisiert.

Selbst in den USA hat man die Zeichen der Zeit erkannt: Dort wurde 2003 das erste Passivhaus erstellt. Technisch gesehen ist das Passivhaus in Europa längst „State of the Art“: 1991 entstand das erste Passiv-Reihenhaus und 1998 das erste freistehende Passivhaus in Deutschland. Und noch nie ist ein Mensch darin erstickt – im Gegenteil. Passivhäuser gelten dank ihres konstanten Innenklimas und der ständigen Belüftung als ausgesprochen komfortabel und wohngesund. Sachlich betrachtet, spricht also überhaupt nichts gegen ein Passivhaus.

Selbst die Mehrkosten sind inzwischen so gering, dass die Betriebskosten-Ersparnisse diese rasch übertreffen. Nur: Wer den Wert eines Hauses an der Zahl dekorativer Erker bemisst oder sich an Vor- und Rücksprüngen entzückt, könnte mit dem schnörkellosen, hüllflächenoptimierten Passivhaus seine Probleme haben. Aber das ist ein ganz anderes Thema. Eigentlich.

 

Kommentare  

Arnold Drewer Montag, 22. September 2014 16:04
ein sehr guter Artikel - nur: wird der hier denn von den Skeptikern gelesen? Wohne selber seit 20 Jahren in einem NEH (leider nur!) mit Lüftungsanlage - Abluftanlage (28 cm Dämmung in der Wand und 40 im Dach) und kann nur bestätigen: die Luftqualität ist perfekt! Und das Wohlgefühl ebenfalls. Übrigens glaube ich, dass die Kritiker des luftdichten Bauens und der Lüftungsanlagen niemals selber in einem solchen Gebäude legen - mithin also: keine Ahnung haben. Und die ziemlich geringen Mehrkosten beim Bauen haben sich schon -zigmal bezahlt gemacht. Aktuell ist es so, dass ich zwei kleine Appartements (möbliert) "all-inclusive" vermiete (incl. WW, Strom, Heizung, alles!) - bei einer Neuvermietung reißen die Leute mir die Wohnung aus den Händen!

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