Ronny Meyer

Warum sich Energieeffizienz auch bei niedrigem Ölpreis lohnt

Ronny Meyer, 14. September 2015

„Billiges Öl dämpft Lust auf Sanierung“ titelte Journalist Richard Haimann Anfang September in der „Welt“. Tatsächlich stellt sich nach dem Lesen eine gewisse Unlust ein. Nicht, weil der Heizölpreis vom unverschämt hohen, viele Menschen extrem belastenden Preis von fast einem Euro pro Liter auf „bodenlose“ 60 Cent gefallen ist und sich damit Energiesparen angeblich nicht mehr lohnen würde. Sondern, weil Haimann – wie schon in all seinen dämmkritischen Artikel zuvor – Unwahrheiten auftischt, Wissenswertes auslässt und Zusammenhänge verwischt. Im Klartext: Ich habe eigentlich keine Lust mehr, solche Artikel Jahr für Jahr lesen zu müssen.

Es ist wie in der Komödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Im Film beginnt für den Hauptdarsteller täglich die identische Handlung aufs Neue. Bei Haimann hat jeder Artikel im Immobilienressort denselben Handlungsstrang: Wärmedämmung ist per se schlecht. Quod erat demonstrandum. Oh je!

In seinem aktuellen Artikel schreibt Haimann nun über Agnes und Hans Koloschie, ein Senioren-Ehepaar aus Hamburg, das sich gegen eine Fassadendämmung ihres in die Jahre gekommenen Eigenheims entscheidet. Der Mann ist 76 und Ingenieur im Ruhestand. Er weiß also, was er tut. Er erläutert, dass die KfW zwar zum 1. August 2015 ihre Fördergelder aufgestockt hat. Doch dann folgt das große Aaaaaber: „Um das Eigenheim auf den Stand eines KfW-Effizienzhauses 55 zu bringen, müssten wir mehr als 110.000 Euro aufwenden“, wird der Hauseigentümer zitiert. Und solch eine hohe Summe wollen die betagten Leute nicht mehr investieren, auch nicht mit Zuschüssen der KfW. Zumal sich die mit 30.000 Euro veranschlagte Außenwanddämmung ohnehin erst in 50 Jahre rentieren würde, behaupten Haimann und der Ingenieur.

DAS. IST. QUATSCH. Man kann es nicht anders sagen.

Sachlich aufgeklärt: Ehepaar Koloschie muss ja nicht gleich das ganze Haus anpacken. Eine Einzelmaßnahme tut es auch. Hier gibt es von der KfW die Möglichkeit des Tilgungszuschusses von 7,5 Prozent. Das aber verschweigt Haimann.

Haimanns Ich-mache-die-Dämmung-schlecht-Rechnung geht so oder so nicht auf. Denn mittels Tilgungszuschuss kostet die 30.000 Euro-Dämmung noch knapp 28.000 Euro. Wirtschaftlich spart diese über den Zeitraum von 20 Jahren (8,4 x U x A = 84 x 1 x 250) volle 2.100 Liter Öl pro Jahr ein. Jedes Jahr! In 20 Jahren also 42.000 Liter. Doch dann ist die Dämmung immer noch vorhanden, so dass es ab dem 21. Jahr für das Ehepaar dicke Gewinne gibt – die Dämmung ist dann vollständig abgezahlt. Wer weiß denn heute schon, wo in 20 Jahren die Energiepreise liegen? Sollte das Ehepaar Koloschie dann noch leben, werden sie sich über jeden eingesparten Liter Heizöl freuen, sofern sie in einem gedämmten Haus wohnen.

Dämmen sie jetzt nicht, werden sie sich grün und blau ärgern, dass sie im Jahr 2015 bei optimalen Zuschüssen und Mini-Zinsen ihr Haus nicht modernisiert haben. Was machen Koloschies eigentlich, wenn sie 95 Jahre alt werden und im Jahr 2035 merken, dass ihr Haus komplett runtergeranzt ist und ein Liter Heizöl 1,50 Euro kostet? Dann MÜSSEN sie sanieren. Mann kann das Ehepaar jetzt schon bedauern. Und sollten Koloschies nicht so alt werden … dann erben die Kinder eine wertvolle, Top-Immobilie - und nicht einen energetischen Totalschaden, den sie dann entweder billig verkaufen oder selbst sanieren müssen.

Zurück zu Haimann: Der Kredit für Koloschies Fassadendämmung würde pro Jahr rund 1.500 Euro kosten (niedrige Zinsen können über einen Bausparvertrag vom 11. bis zum 20. Jahr gesichert werden). Bei den derzeitigen 60 Cent pro Liter Heizöl sparen Koloschies (2.100 x 0,60) 1.260 Euro pro Jahr. Ab einem Heizölpreis von 70 Cent pro Liter stehen sie mit Dämmung besser da als ohne. Kann Richard Haimann garantieren, dass Heizöl niemals mehr über die 70-Cent-Marke springt? Wenn „nein“, dann ist sein Beitrag unverantwortlich.

Rückblick: Im Jahr 2000 jagten die Heizölpreise von umgerechnet 22 Cent rauf auf ziemlich genau 50 Cent pro Liter. „Heizen ist teuer wie nie“ schrieben damals die Zeitungen. In der zweiten Jahreshälfte 2008 fielen die Heizölpreise von 98 Cent auf auch wieder fast genau 50 Cent pro Liter. Nur diesmal kamen wir von oben. Was schrieben die Zeitungen? Genau: „Heizen wird immer billiger“.

Jetzt, erneut fast acht Jahre später (ist hier etwa ein Zyklus erkennbar?), haben wir die nächste Preis-Achterbahn-Runterfahrt hinter uns (wir kommen aktuell von 96 Cent pro Liter im Oktober 2012) und dürfen gespannt sein, wann es wieder bergauf geht. Echte Experten sprechen inzwischen von einem „Energiepreis-Korridor“, der zwischen 50 und 100 Cent pro Liter Heizöl liegt. Mittelwert 75 Cent. Lohnt sich da eine Dämmung? Diese Frage können sogar Laien beantworten.

Ganz abgesehen davon – auch das erwähnt Haimann mit keinem einzigen Wort – bringt ein hochmodernisiertes Haus auch einen hohen Wohnkomfort mit sich. Zumal es für den altersgerechten Umbau eines Hauses noch einmal Fördermittel von der KfW gibt. Das Zuschussprogramm 455 legt für private Eigentümer, die Wohnraum barrierereduziert umbauen, bis zu 5.000 Euro drauf.

Schon würde die Rechnung noch einmal anders aussehen. Nochmal: Es ist einfach unverantwortlich, was Richard Haimann schreibt.

Nicht zu vergessen ist auch, dass der Schutz der Haussubstanz verbessert wird und der Wert der Immobilie nach einer Sanierung kräftig steigt. Warum denn nicht der nächsten Generation eine gesunde Immobilie vermachen?

Über den eigenen Beitrag zum Klimaschutz, Unabhängigkeit von Energiepreisen, die mit Sicherheit wieder massiv ansteigen werden, möchte ich mich hier gar nicht äußern. Diese Vorteile einer energetischen Gebäudesanierung sind wahrscheinlich so banal und jedermann einleuchtend. Warum Haimann diese Vorteile in seinem Beitrag komplett unter den Tisch fallen lässt, ist mir ein Rätsel.

 

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Kommentare  

Jens Richard Dienstag, 02. Februar 2016 23:57
Alle wollen nur unser Bestes:unser Geld. Das Verlogene an der Dämmdiskussion ist doch nur, daß rational handelnde Marktteilnehmer (kapitalistische Produzenten von Dämmsystemen) von den anderen Marktteilnehmern (Endkunden) irrationales Handeln erwarten bzw. mit Hilfe der Politik sogar erzwingen wollen. Es wird keinem CEO verwehrt mit seinem Privatjet mehr Sprit pro Tag zu verblasen als andere im ganzen Jahr verheizen. Entweder wir machen Marktwirtschaft für alle (und jeder darf selbst entscheiden wie er sein Geld ausgibt) oder wir machen Planwirtschaft ala EnEV. Solange man Milchmädchenrechnungen mit fiktiven Sowieso-Kosten und anderen schrägen Annahmen braucht, muß man sich nicht wundern, wenn die Leute ihr sauer verdientes Geld rationalerweise für lohnendere Sachen ausgeben (oder ggfs. den Kindern direkt vererben oder schenken). Die meisten Dämmsysteme machen den Eindruck, je komplizierter desto doller. Der KfW-Bürokratismus macht es auch nicht einfacher und im Zweifelsfall werden die Fördergelder vorab in die Produkte eingepreist, wie bei Kollektoren und Wärmepumpen, so daß diese letztendlich überteuert sind. Da soll man einen Energieberater bezahlen um einbruchshemmende Fenster fördern zu können. Dabei hat der per Definition keine Ahnung von diesem Fachgebiet (und es gibt bundesweit sowieso weniger als 1 Dutzend Anbieter) und die Förderung geht fast komplett für den Berater drauf. Wir haben auch schon 5stellige Summen in unser Haus gesteckt, auch werterhöhend und wohnwertsteigernd und Ölverbrauch um 2/3 senkend (obwohl wir wahrscheinlich mehr kWh/a "verbrauchen" als vorher), ein teures WDVS war nicht dabei und ich werde weiterhin niemanden um Erlaubnis fragen, wieviel Geld wir fürs Heizen oder für andere Dinge ausgeben. Ich glaube an die Marktkräfte. Vielleicht gibt es ja irgendwann erschwingliche, leicht montierbare Lösungen, wahrscheinlich aber nicht vor Ablauf diverser Patente z.B. für Aerogel-Produkte. Dies kann dann eventuell noch 10 Jahre dauern. Solange werde ich mein Geld lieber in andere Projekte mit Amortisationszeiten unter 20 Jahren stecken. Wenn man für rationales Handeln und das Nicht-Hereinfallen auf Bauernfängerei angefeindet wird, dann ist es wirklich schlimm bestellt um eigenverantwortliches Handeln und Marktwirtschaft.
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Windmüller Dienstag, 06. Oktober 2015 17:53
Ich kann die ganze Streiterei um das Thema Dämmung gar nicht verstehen. Ich habe mein 60 Jahre altes Haus dämmen lassen, und bin hoch zufrieden. Es ist ja nicht nur die Heizkostenersparnis im Winter. Wir haben die Schlafzimmer nach Süden raus. Im Sommer hatten wir 25° C in den Zimmern, so dass an Schlaf kaum zu denken war, und man am nächsten Tag gerädert an die Arbeit ging. Mit der Dämmung sind es noch 20° C, so dass man wunderbar Schlaf findet. Im Herbst, wenn die Sonne flacher steht, wärmt die Sonne die Innenwände auf. Am nächsten Tag hat man draussen 8° C, während die Wände die Wärme abgeben, und man noch 20 bis 21 Grad hat. Da ich seit 15 Jahren Flachkollektoren auf dem Dach habe, kann ich mit der Wintersonne noch besser die Wintersonne nutzen, da mit der Dämmung die Vorlauftemperaturen ja niedriger sind, und die solare Heizungsunterstützung prozentual noch besser genutzt werden kann. Alles in allem bin ich hoch zufrieden. Wichtig ist allerdings, regelmäßig zu lüften, und für das Dämmen qualifizierte Handwerker zu beauftragen. Da sollte man nicht an der falschen Stelle sparen.
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