Dicker verheißt besser zu sein – zumindest bei der Fassadendämmung. Ganz klar: Je mehr Dämmstoff das Gebäude einpackt, desto mehr Energie bleibt drinnen. Und prinzipiell ist der Ansatz logisch: Je dicker die Hülle, desto besser. Viel Dämmung spart viel Energie, drückt die Heizkosten und ist gut für das Klima. Dass dabei mitunter die Dämmschicht mächtiger ausfällt als das tragende Mauerwerk darunter – das ist ein Kollateraleffekt. Genauso, dass die Fenster tief in der Wand stehen, mit mächtiger Laibung – was findige Bauträger als „integrierten Sonnenschutz“ preisen könnten. Wären da nicht die hoffnungslosen Ästheten, die vom „Schießscharteneffekt“ sprechen und damit auf die verteidigungsbedingten mächtigen Mauern mittelalterlicher Burgen oder Wohnhäuser verweisen. Mit dem Unterschied, dass es sich damals um monolithisches, massives Mauerwerk handelte, das nicht anders darstellbar war. Doch schon damals ließen sich die Baumeister etwas einfallen, was den Innenraum von seiner höhligen Aussicht befreite: sie versahen die Laibungen mit einer Gehrung. Damit wurde der Blick nach draußen weiter und das Licht drinnen mehr. Ein einfacher Trick, der sich auch heute anwenden lässt – wie verschiedene aktuelle Projekte zeigen, wo die Gehrung sogar zum gestalterischen Prinzip der Fassade erhoben wurde. Dass dafür etwas mehr planerische Phantasie und vielleicht ein paar zusätzliche Ausführungs-Euros notwendig sind, versteht sich von selbst. Das wiederum dürfte so manchem renditeorientierten Bauherr nicht gefallen, weshalb der 90-Grad-Standard so beliebt bleibt. Dem aber könnte man zumindest mit Hilfe der Farbe etwas von seiner Härte nehmen: Farbig herausgestrichene Laibungen oder Felder um die Fenster lockern auf und beleben das in die Räume einfallende Licht.

Prinzipiell spricht aber nichts dagegen, die komplette Dämmoberfläche dreidimensional zu bearbeiten – natürlich ohne dabei die Funktionalität der Dämmung zu gefährden. Bewährt haben sich beispielsweise horizontal eingefräste V-Nuten, die eine Fassade geschickt gliedern können. Man könnte durchaus weiter gehen und freie Muster einarbeiten – etwa filigrane Lineaturen, die sich wie ein Netz über die Fassade legen, in einem regelmäßigen Raster oder freien Kurvenfolgen. Das mag dem puristischen Architekten zwar auch nicht munden, aber große, ungegliederte Flächen lassen sich so elegant vermeiden – zugleich erhalten Gebäude so die favorisierte visuelle Eigenständigkeit. Mit der Farbe sollte man dann aber zurückhaltend sein, denn spätestens jetzt gilt: Mehr ist nicht (immer) mehr.

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