Armin Scharf

Homogen vielschichtig

Armin Scharf, 19. April 2017

Wenn wir den Blick vom einzelnen Gebäude auf ein ganzes Quartier erweitern, bietet das Sanieren mehr als nur bessere Energie-Kennwerte: Mit klugen Vorgaben, die gestalterisch Leitplanken abstecken und zugleich viel Freiheit lassen, könnten ganze Stadtviertel profitieren: Architektonisch, städtebaulich.Orte verändern sich. Mitunter langsam, oft aber sehr schnell. Damit das Ortsbild homogen bleibt, erlassen Kommunen Satzungen, die aber meist einschränkenden Charakter haben und zur Uniformität führen. Dabei sollte es um Vielfalt gehen, Individualitäten in ein homogenes Gesamtbild überführen – gerade im Hinblick auf Fassadenfarbigkeiten, Strukturen, Materialien.

Helgoland? Klar, kennt man: Ein roter Sandsteinklotz in der Deutschen Bucht, bewohnt von 1400 Menschen, zahllosen kreischenden Vögeln und Robben. Senkrechte Klippen, Lange Anna, Mehrwertsteuer unbekannt, Ziel für zahllose Tagesausflügler. Das ist die eine Seite der einzigen deutschen Hochseeinsel, die vor 70 Jahren noch als alliiertes Bombodrom diente. 1952 durfte die Insel wieder bezogen werden, allerdings war von der einstigen Bebauung nicht mehr viel übrig. Also begann man mit dem Wiederaufbau, der bis 1966 dauerte und bis heute als Ensemble mit baulicher Stringenz beeindruckt. Kleinteiligkeit, urbane Dichte, verschachtelte Gassen, eine nordisch inspirierte Stilistik und ein Farbleitplan bestimmen die Architektur der überschaubaren Insel.


Gerade der Farbleitplan, den der Hamburger Künstler Johannes Ufer zusammenstellte, gibt der Bebauung eine ganz besondere, integrative Note. Ufer stellte damals, in den 1950er Jahren, 14 gedeckte Erdtöne zusammen, die noch heute präsent sind. Da finden sich natürlich Blaus, aber auch Grüns, ockerige Töne, Grau und Braunnuancen. Trotz der überschaubare Anzahl an „Helgoland-Farben“ verbindet der Farbleitplan, der jedem Gebäude eine Basisfarbe zuordnete, Individualität mit einem stimmigen Gesamtkanon – genau das, was einen professionellen Farbleitplan, Ortsbildsatzung oder Gestaltungssatzung ausmacht.


Leider ist das nicht immer so. Zwar hat heute jeder Ort, der etwas auf sich hält, irgendwo eine Ortsbildsatzung in der Schublade, doch oft ist dieser Rahmen so gefasst, dass er eher die Uniformität fördert als die Vielfalt ermöglicht. Das Ansinnen ist ehrbar: Es geht um die Authentizität eines Ortes, um Identität und Homogenität. Doch tendenziell schießen die erarbeitenden Gremien über dieses Ziel hinaus und treffen Festlegungen, die kaum Spielraum für neue formale und auch technische Baukonzepte bieten. Photovoltaik auf dem Dach? Stört.

Luftwärmepumpe vor dem Haus? Stört. Aber: Garagenschachtel? Ja, muss natürlich sein. Farbige Fassade? Das wird schwierig. Farbe wird in der Regel subjektiven Geschmacksempfindungen gleichgestellt, bewertet, abgelehnt oder begrüßt. Meist aber abgelehnt, denn je weniger Farbe, desto weniger Geschmacksbedenken tauchen auf. Und so sind Gestaltungssatzungen eher Zeugnisse der Mutlosigkeit, des vordergründigen Gleichklangs, der da auf „hell, einfarbig“ oder „weiß“ baut und in der Summe zu gehobener Tristesse führt.


Um vom Maßstab des „Gefallens“ wegzukommen, bietet sich der Input zahlreicher Fachleute an, von Stadtplanern bis zu Farbplanern oder Soziologen. Laien, und aus denen bestehen kommunale Gremien eben meist, sind hier meist überfordert, was sich in der erwähnten Eintönigkeit manifestiert. Sensibel austarierte Homogenität und Heterogenität sollte das Ziel künftiger Planungen sein. Das aber bedeutet auch nicht, dass Gebäude beliebig gefärbt werden können: frisch aus der Mischmaschine kommendes süßes Himbeerrot neben grellem Gelbgrün oder billigem Lila ist damit keinesfalls gemeint. All das ist technisch machbar, aber wohl kaum als ästhetische Bereicherung zu bezeichnen. Ganz ohne Vorgaben ist Gemeinschaft nur schwer zu erreichen, doch Vorgaben müssen Individualität im Rahmen dieser Gemeinschaft ermöglichen.


Die energetische Sanierung von Bestandsbauten und die Dämmung von Fassaden bietet eine immense Chance, das Ortsbild neu zu definieren und breit zu diskutieren. Dabei sollte es neben der Frage der Farbigkeit auch um weniger offensichtliche Aspekte gehen wie Oberflächenstrukturen, Materialien, Regionalität, Identität sowie um Perfektion. Alte Gebäude, so hinfällig sie auch sein mögen, erzählen etwas über sich und ihre Geschichte. Patina, Relikte aus vergangener Zeit, Spuren unterschiedlichster Nutzungen – all dies geht bei Sanierungen meist unwiederbringlich verloren. Das Ergebnis ist ein neues Haus, perfekt gerichtet, aber zugleich von seiner Herkunft entkoppelt. Medien schreiben dann gerne von „ehemaligen Schandflecken, die in neuem Glanz erstrahlen“.


Sollte man also an dieser Stelle bewusst Unperfektion einbauen? Optische Fehlstellen, die den Link zurück herstellen? Die so den „Glanz“ nicht zu vordergründig werden lassen, sondern die Zeit als Gestaltungselement einbeziehen? Helgoland zeigt, wie lange ein gutes Konzept hält. Einst war es neu, weil der ganze Ort neu war. Heute ist es in die Jahre gekommen, doch so authentisch wie immer – und eine Reise wert.

 

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