Damit hatten die Macher des stadteigenen Freiburger Wirtschafts- und Tourismusförderers FWTM, die die Stadt Freiburg als Green City vermarkten, nicht gerechnet. Als sie kürzlich die Pläne für ihr neues Verwaltungszentrum als „Kopfbau“ der Messe vorstellten, ging ein Aufschrei durch die Freiburger Energieeffizienz-Szene. Denn das Gebäude sollte nach ersten Plänen lediglich energetische Minimalkriterien erfüllen, nirgends war die Rede von innovativen Energiekonzepten oder besonderen Standards. Auch ich habe den offenen Brief mit der Überschrift „Schämt Euch, ihr Öko-Angeber“ unterschrieben. Die FTWM zeigte sich daraufhin gesprächsbereit und es scheint so, als ob der Gebäudestandard jetzt noch einmal nachgebessert wird.

Die Diskussion um die Gebäudestandards ist in Freiburg wie andernorts schon uralt und war mit stadteigenen Vorgaben bislang immer vorbildlich. Seit der Verabschiedung der EnEV 2014 ist klar, dass spätestens ab 2017 der Freiburg Standard überall gelten wird. Hintergrund ist der Beschluss der EU, bis 2019 europaweit Neubaustandards einzuführen, die in Deutschland stufenweise erreicht werden sollen, in 2017 zunächst in einer weiteren Verschärfung der EnEV 2014 und danach ein „Fast-Null-Energiestandard“.

Wie die von der EU geforderten „nearly zero buildings“ genau aussehen sollen, bleibt allerdings interpretationsfähig. Die Bundesregierung geht von einem Standard ähnlich dem deutschen KfW 40-Standard aus, manche auch vom KfW 55-Standard, aber das ist noch nicht endgültig entscheiden.

Wir haben allerdings ein Problem in der öffentlichen Diskussion. Die Baulobby scheint zurück zu wollen zu alten Zeiten, in denen sie sich nicht groß mit energetischen Standards befassen musste. Immer wieder werden diese für hohe Baukosten und die angespannte Situation am Wohnungs- und Immobilienmarkt verantwortlich gemacht. Dazu wird jede Gelegenheit genutzt und jedes aktuelle Thema missbraucht. Aktuelles Beispiel ist die Flüchtlingsdebatte. Nicht nur der Energiestandard, auch der Brandschutz und der Lärmschutz sowie andere Bauvorgaben stehen auf dem Prüfstand.

So forderte der Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW) kürzlich, die Baustandards befristet einzuschränken. Man solle z.B. die Anforderungen der EnEV fünf Jahre lang auf das Niveau des Jahres 2009 absenken. Der heutige Standard, so das Argument, verhindere den Bau preisgünstiger Wohnungen. Der Immoexperte der hiesigen Sparkasse stieß ins selbe Horn, als er unlängst die Bauauflagen, „nicht zuletzt beim Thema Energie“, für zu hohe Baukosten verantwortlich machte.

Bleibt nur zu hoffen, dass diese immer wieder auftauchende These vom teuren ökologischen Bauen endlich einmal begraben wird. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass das Bauen nach guten energetischen Standards per se nicht teurer sein muss. Dies haben für Bürogebäude z.B. die Kollegen des Forschungsprojekte Enob nachgewiesen. Demnach gibt es keinen Zusammenhang zwischen der energetischen Qualität eines Gebäudes und den Bauwerkskosten.

Wir müssen außerdem endlich mit den energetischen Vollkosten eines Gebäudes rechnen, anstatt nur auf die Investitionskosten zu schauen. Selbst wenn der Bau selbst ein wenig teurer wird, rechnet sich der bessere Standard im Laufe des Betriebes der Gebäude. Das kann doch nicht egal sein! Oder worüber haben wir die letzten 30 Jahre diskutiert?

Wohin sich die derzeitige Debatte entwickelt, ist leider noch nicht absehbar. Bundesbauministerin Hendricks hat sich inzwischen für Änderungen bei Regelwerken und Baunormen ausgesprochen, „damit Bauen bezahlbar bleibt“. Dafür wurde eigens eine Baukostensenkungskommission eingerichtet, die bis Ende des Jahres Vorschläge erarbeiten soll. Das klingt zunächst wenig erfreulich.

Was mir Hoffnung macht, sind die positiven Stimmen, die sich zu Wort gemeldet haben Zahlreiche Akteure verteidigen die energetischen Standards. Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen befürchtet, dass Kommunen jetzt unter großem Zeitdruck Zweckbauten errichten, die nicht gut durchdacht sind. "Und dann stehen die Häuser herum und man wird sie nicht mehr los", so Verbandspräsident Alexander Rudolphi. Auch der schleswig-holsteinische Landesvorsitzende des Eigentümerverbands Haus & Grund, Alexander Blazek, sieht das so, wenn er davor warnt, Wohnsilos auf grüner Wiese zu errichten, die später niemand mehr brauche. Bei den provisorischen Bauten für die Erstunterbringung, die schnell wieder entfernt werden könnten, könne man die Standards ruhig senken, im herkömmlichen Neubau wäre es aber der falsche Weg.

Mir ist es wichtig, dass wir hier die verschiedenen Probleme nicht gegeneinander ausspielen. Wir können keine Häuser mehr bauen wie früher und heute die Fehler der Vergangenheit wiederholen. Das größte Problem im Gebäudebestand sind momentan die Gebäude, die in den 1950er-Jahren entstanden sind. Wenn wir jetzt die Standards senken, wiederholen wir die Fehler von damals.

Gute energetische Standards helfen uns dabei, die ökonomischen Probleme der Zukunft zu lösen, indem wir die Nebenkosten verringern und Häuser bauen, die über die gesamte Lebensdauer werthaltig bleiben.

In Freiburg waren wir in der Vergangenheit meist einen Schritt voraus. Was 2017 mit der EnEV kommt, hatte der Gemeinderat schon vor Jahren als Baustandard verabschiedet. Ich kann nur hoffen, dass wir es schaffen, auch in Zukunft nicht nur das Minimum anzustreben, sondern Gebäudestandards zu entwickeln, die am Ende ökologisches Denken mit ökonomischen Vorteilen in Einklang bringt.

 

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