In der Öko-Hauptstadt Freiburg, in der wir mit der Energieagentur unseren Sitz haben, reiben sich Experten für energieeffizientes Bauen derzeit verwundert die Augen. Im Stadtteil Haslach fördert das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung gemeinsam mit dem Stadtplanungsamt der Stadt ein Modellprojekt des Architekten Günter Pfeifer, Professor an der TU Darmstadt.

Mit seiner These, Wärmedämmung sei die dümmste Erfindung der Menschheit, findet er als Professor Gehör bei Presse und einschlägigen Interessenten. Er behauptet, immer dickere Dämmung und aufwändige Technik verstieße gegen Naturgesetze. Die heilsbringende Lösung sei dagegen sein "kybernetisches Prinzip", das teure und unsinnige Wärmedämmung vollkommen überflüssig mache. Luftkollektoren auf dem Dach fangen dabei die Sonnenenergie ein, die erwärmte Luft soll sich über die Wände im Haus verteilen. Den Beweis durch Messungen blieb er bislang jedoch schuldig.

Sie fragen sich jetzt vielleicht, warum ich Sie mit Geschichten aus Südbaden behellige. Ganz einfach: Die Resonanz, die Pfeifer hier mit seinen gewagten Thesen bei der regionalen Presse und in der interessierten Öffentlichkeit erhält, steht exemplarisch für die effekthascherische, unsachliche Diskussion um den Nutzen der Wärmedämmung. Die Kritiker erhalten immer wieder Gehör, obwohl all ihre Argumente schon längst widerlegt sind. Jeder, der sich für eine flächendeckende Gebäudesanierung einsetzt, kennt wahrscheinlich ähnliche Fälle.

Schaut man auf die Fakten, dann kann niemand den Nutzen der Wärmedämmung ernsthaft bestreiten. Ohne eine gedämmte Hülle ist ein energieeffizientes Haus in unseren Breiten nicht möglich. Das gilt auch nicht erst seit die Debatte um Klima- und Ressourcenschutz aufgekommen ist, selbst im Mittelalter und sogar schon in der Steinzeit wurden Häuser mit Wänden errichtet, die eine Dämmfunktion besaßen.

Heute gehört zu einem "Rundumschutz" die Dämmung von Keller und Dach oder Decke ebenso wie die Dämmung der Fassade und ein sorgsamer Umgang zur Vermeidung von Wärmebrücken. Zugegebenermaßen kursiert manch unseriöse Einschätzung, wenn zum Beispiel nur die Hausfassade gedämmt wird. Manchmal werden hier Einsparpotenziale von 70 bis 80 Prozent versprochen, was genauso unseriös ist wie die Behauptung, dass allein durch einen Heizungskesselaustausch ähnlich hohe Einsparungen erzielt werden könnten.

Die volle Wirkung ist nur erzielbar, wenn alle Aspekte einer Haussanierung betrachtet werden und die heute zur Verfügung stehenden technischen Lösungen fachgerecht umgesetzt werden. Neben einer Dämmung der Gebäudehülle muss man sich auch mit den Fenstern, der Heizung, der Lüftung und gegebenenfalls auch mit der Nutzung der aktiven und passiven Solarenergie beschäftigen. Das Gesamtkonzept muss stimmen, dann stimmt auch die Einsparung.

Eine Studie unserer Kollegen von der Deutschen Energie-Agentur (dena) im vergangenen Jahr hat dies eindrucksvoll bestätigt. Die dena untersuchte dabei den Energieverbrauch von 63 hocheffizient sanierten Wohngebäuden, bei denen eine Einsparung von durchschnittlich 80 Prozent angestrebt war. Die Kollegen haben überprüft, ob der geplante energetische Standard nach der Sanierung auch tatsächlich erreicht wurde und wie groß die Einsparungen in der Praxis wirklich sind.

Durchschnittlich, so das Ergebnis, konnte der Energieverbrauch bei den untersuchten Objekten von 223 auf 54 Kilowattstunden pro Quadratmeter im Jahr reduziert werden – das entspricht einer Einsparung von 76 Prozent und trifft fast genau die vorab berechneten 80 Prozent.

Die Beratungsgesellschaft co2online hat in verschiedenen Studien versucht, allgemeine Aussagen zum Anteil der Fassadendämmung am Einsparpotenzial zu liefern. Bei Altbauten entweichen demnach bis zu 30 Prozent der Energie über die Außenwände. Das Einsparpotenzial liegt bei einer Dämmung der Außenwände bei 18 bis 21 Prozent. Die Fassadendämmung, so das Fazit von co2online, ist eine der effektivsten Sanierungsmaßnahmen.

Grundsätzlich sollte man aber vorsichtig sein, wenn es um Prozentzahlen geht. Sicher kann man bei manchen Häusern bis zu 40 Prozent durch die Fassadendämmung einsparen, bei anderen aber auch mal nur 10 Prozent. Voraussagen sind ohnehin nur für das konkrete Objekt oder vielleicht noch für den jeweiligen Gebäudetypen möglich. Man muss eigentlich auch immer gleich dazu sagen, wofür die Prognose nicht gilt. Das gilt auch für denkmalgeschützte Gebäude, bei denen eine Dämmung der Außenwand zum Teil gar nicht möglich beziehungsweise nicht gewünscht ist. Das heißt aber nicht, dass das Haus dann nicht energetisch saniert werden kann! Meist gibt es immer noch genügend andere Ansatzpunkte für eine Reduzierung des Energieverbrauchs.

Um noch mal nach Freiburg und auf Herrn Pfeifer zurückzukommen: Im Grunde ist die Debatte, die hier zum wiederholten Male geführt wird, bereits seit 30 Jahren entschieden. Die beste Lösung ist meist eine Kombination aus Dämmung und Nutzung der Solarenergie. Plusenergie- und Sonnenhäuser sind so gut gedämmt, dass sie oft dem Passivhausstandard entsprechen. Energieeffizienzhäuser funktionieren wiederum dann am besten, wenn auch Solarkomponenten berücksichtigt werden. Im Gegensatz zu seiner öffentlichen Rhetorik erzielt Pfeifer in seinen Projekten bei genauer Betrachtung mit Wärmedämmung die größten Einsparungen – auch wenn er das in der Öffentlichkeit nur ungern einräumt. Wie so oft scheint der Publicity-Effekt wichtiger zu sein als Fakten.

 

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Kommentare  

Jens Richard Dienstag, 09. Februar 2016 16:28
Ich begrüße es schon mal, daß hier endlich mal mit realistisch niedrigen Zahlen für die Dämmung der Außenwände hantiert wird. Der nächste Satz "... ist eine der effektivsten Sanierungsmaßnahmen" ist aber irreführend, weil dies gar nicht die Frage ist, vor der ein Hausbesitzer steht. Wenn eine Fassendämmung eine Amortisationszeit zwischen optimistischen 25 und realistischen 50 Jahren hat ,d.h. Renditen von 2 bis 4% bringt, dann ist die Frage, was ein Hausbesitzer sonst noch mit seinem Geld machen kann (falls er welches zuviel hat). Bei den meisten noch laufenden Hypotheken wird eine schnellere Tilgung (z.B. per Sondertilgung oder Ablösung) eine höhere Rendite einbringen als eine Dämmung (und dies mit Null-Risiko). Wenn dies nicht möglich ist, wird eine Investition in eine PV-Anlage (egal ob am eigenen Haus oder woanders ) sehr wahrscheinlich eine höhere Rendite bei ähnlichen Risiken bringen (Amortisationszeiten sind regelmäßig < 20 Jahre ). Es kann durchaus günstiger sein sich über PV-Anlage und Wärmepumpe einfach mehr Heiz-Energie zu besorgen als zu versuchen diese aufwendig über Wärmedämmung einzusparen. Der Natur ist es schließlich egal, ob die kWh von der Sonne vom Erdboden , von meinem Dach oder von meiner Außenwand ins Weltall zurückstrahlen, und dabei ggfs. den Umweg über mein Hausinneres nehmen oder eben nicht. Unter den modernen Marktbedingungen konkurrieren aktive und passive Technologien miteinander um die zur Verfügung stehenden Mittel der Hausbesitzer. Dies ist allerdings bei vielen Hausbesitzern noch nicht angekommen, für die Verfechter der Dämmung natürlich unliebsame Konkurrenz, die man lieber nicht erwähnen möchte. Was da in Freiburg läuft, weiß ich nicht und mein Kommentar bezieht sich nicht darauf.
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