Ronny Meyer

Die Dämm-Lüge-Lüge – N3-Sendung „Die Wärmedämmerung“ ist mehr Grusel-Unterhaltung als seriöser Ratgeber

Ronny Meyer, 17. November 2015

Am 16. November zu später Abendstunde war es mal wieder soweit: NDR-Redakteur Güven Purtul trat zum x-ten Mal an, um erneut die „Wunderwaffe“ (was für eine Wortwahl) für den Klimaschutz, der ohnehin nur ein ehrgeiziges „Öko-Vorzeigeprojekt“ der Bundesregierung sei (aha), zu entschärfen.

Mit seinem aktuellen Fernsehbeitrag „Die Wärmedämmerung“ wollte Sprengmeister Purtul den größten Blindgänger unschädlich machen, der überall um uns herum lauert und uns pausenlos um die Ohren fliegen könnte. Mit Kriegs-Vokabular will er uns einreden: Dämmung ist so ziemlich das Schlimmste was es gibt – vor allem wenn die Dämmung „Polystyrol“ heißt. Und Klimaschutz geht – wenn‘s denn wirklich sein muss – anders als ihn die Bundesregierung verzapft, die ohnehin mit der „Dämm-Mafia“ unter einer Decke steckt. Holla die Waldfee!

Doch alles halb so wild. Güven Purtul ist einfach nur ein ganz normaler Journalist, dessen Werkzeuge nun mal die Worte sind, die er verwendet. Wir können Entwarnung geben: Purtuls Sendung hat weder etwas mit Nachrichten noch mit Ratgeber zu tun. Es ist einfach nur Grusel-Unterhaltung, die vor genau fünf Jahren von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung mit dem Beitrag „Die Burka fürs Haus“ mit angezettelt wurde. Was für eine Überschrift damals: „Die Burka fürs Haus“: Aus journalistischer Sicht stimmte da jedes Wort. Peng!!!

Vor gut vier Wochen, am 18. Oktober hatte die FAZ jedoch die Burka hochgezogen und den Blick hinter die Dämmplatten, Verzeihung, hinter die Kulissen des Journalismus freigegeben, der jetzt offenbar in eine neue Ära startet (Purtul hinkt da noch etwas hinterher). Der FAZ-Beitrag „Sie wollen die Wahrheit wissen?“ vom 18. Oktober resümiert: Keine Angst vor den Angstmachern. Der Beitrag war das perfekte Making-Of, der perfekte Blick nicht nur hinter die „Dämm-Lüge“. Die FAZ zählte sie alle auf, wir beschränken uns hier nur auf eine kleine Auswahl: So gibt es die Inflations-Lüge, die Mondfahrt-Lüge, die Burnout-Lüge, die Öko-Lüge, die Zucker-Lüge und so weiter.

Jetzt heißt es unter anderem also auch „Schluss mit der Dämm-Lüge-Lüge“. Redliche Berichte wägen das Pro und Contra ab und überlassen den Lesern und Zuschauern das Urteil. Die Meinung der Redaktion wird üblicherweise als Kommentar kenntlich gemacht. Purtul und die verbliebene Handvoll Dämm-Kritiker interessiert das alles aber offenbar nach wie vor nicht: Statt journalistisch aufzuklären wurde jetzt wieder die alte Propaganda runtergeleiert. Zudem ging es bei „Der Wärmedämmerung“ wild durcheinander: Mal gegen Dämmung allgemein, dann nur gegen Polystyrol und dann wieder um Beschichtungen auf Fassaden. Allerdings wird es stets so dargestellt, als sei jeder einzelne Vorwurf ein Problem von Polystyrol.

Beipiel Brandschutz: Güven Purtul berichtete über unterschiedliche Fassadenbrände. Was er nicht tut: Er ordnet die Gefahr nicht in ein Gesamtrisiko ein. Die einzige Zahl, die er nennt: 80 Brände – vermutlich in einem Zeitraum von 4 Jahren. In diesem Zeitraum gab es insgesamt etwa 700.000 bis 800.000 Brände in Deutschland. Es ist wohl davon auszugehen, dass es weitaus gefährlichere Brandquellen gibt (an nur 0,1 Promille von allen Bränden war Wärmedämmung beteiligt). Ginge es tatsächlich um Aufklärung in Sachen Brandschutz, wäre ein Hinweis auf die Gefahren durch Adventskränze und Tannenbäume in der jetzt bevorstehenden Weihnachtszeit sicherlich passender. Auch keine Überraschung, dass nicht gesagt wurde, dass die Brandproblematik allgemein für alle B1-Dämmstoffe gilt (also auch für viele Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen). Genauso fehlte die Information, dass heutige Polystyrol-Dämmstoffe frei vom Brandschutzmittel HBCD sind.

Völlig abwegig ist Purtuls Argumentation am Beispiel eines Gebäudes, an dem die Dämmung wieder entfernt werden musste, weil sie falsch angebracht worden war. Wer käme auf die Idee, einem Dachziegel die Schuld daran zu geben, wenn der Verarbeiter die Sturmsicherung vergessen hat? Oder ist ein Waschbecken, am dem der Anschluss nicht korrekt angebaut wurde, für einen Wasserschaden verantwortlich? Spätestens hier stellt sich die Frage nach der journalistischen Seriosität.

Andererseits möchten viele Zuschauer heute vom RTL-II-Frauentausch-Blick ins Schlafzimmer fremder Leute bis zum leidenden D-Promi im Dschungelcamp einfach alles sehen. Auch Hauseigentümer, deren Haus samt gedämmter Fassade abgefackelt ist. Normal abgebrannte Häuser sind da eher langweilig. Weil die spektakulären Fassadenbrandfälle aber offenbar deutlich zurückgegangen sind, muss Purtul auch die längst gelöschten Brände aus den Jahren 2011 und 2012 nochmals anzünden. Hallo! Geht‘s noch? Wir haben 2015. Ist unsere Zeit wirklich so nachrichtenarm?

Eine echte Nachricht wäre gewesen, dass Polystyrol, das nach wie vor aus bautechnischer Sicht ein nahezu perfektes Material mit geringster Schadenshäufigkeit ist, wegen der scharfen Medienkritik immer weiter verbessert wurde. Purtul hätte sich in der Tat – jetzt nach gut fünf Jahren kritischer Dämmberichte – damit rühmen können, die weitere Optimierung des Dämmstoffes mit angeregt zu haben, damit wir mit dieser „Wunderwaffe“ nun endlich unser Klima heilen können.

Doch Purtul reitet weiter auf der Welle des Katastrophen-Journalismus, die laut FAZ aber längst abebbt. Die FAZ recherchierte, dass Wortkombinationen mit „-Wahn“ und „-Mafia“ besonders häufig anzutreffen waren und hohe Auflagen erzielten (Zitat: „Es führt zu guten Verkäufen“): Fleisch-Mafia, Zucker-Mafia, Spenden-Mafia, Gesundheits-Mafia, die uns in den Fleisch-Wahn, den Zucker-Wahn, den Spenden-Wahn und in den Gesundheits-Wahn stürzt. Die Kombination aus „Dämm-Wahn“ und „Dämm-Mafia“ war dann nicht weit. Was für ein Irrsinn.

Die FAZ folgert richtig: „Trends und Themen nutzen sich ab, aber niemals die Faszination einer bösen Macht. ... Unser Wunsch nach sogenannter Wahrheit und Authentizität schafft zunächst einen Markt für ständig neue Hochstapler ... vielleicht sind es aber auch einfach nur Krimis.“

Jetzt ist es offenbar an der Zeit, dass Zeitungs- und Fernsehredakteure sowie Buchautoren die Angstmacherei enttarnen und – angesichts der wirklich großen Probleme – die Fleisch-Zucker-Spenden-Dämm-Krimis zur Seite zu legen. Wir erkennen, dass die Wahrheit immer irgendwo in der Mitte liegt und packen endlich dort an, wo es sinnvoll ist und allerhöchste Zeit wird: Von der Integration der Menschen, die unter anderem auch nach Deutschland geflohen sind bis hin zum Klimaschutz.

Das ermutigende bei diesen Aufgaben ist, dass jeder mit anpacken kann und seinen Mosaikstein für eine bessere Welt beitragen kann, die immer wieder aus den Fugen gerät. In beiden Fällen geht es um unsere Häuser und um „Behaglichkeit“. Am Ende ist die Dämmung tatsächlich eine „Wunderwaffe“. Schon der Philosoph Arthur Schopenhauer wusste: „Ein jedes Problem durchläuft bis zu seiner Anerkennung drei Stufen: In der ersten wird es lächerlich gemacht.

In der zweiten bekämpft, in der dritten gilt es als selbstverständlich.“ Man wird Dämmplatten sicherlich nie als Helden feiern, aber wir werden irgendwann noch alle dankbar sein, dass dieses Material nicht nur geholfen haben wird, den Klimawandel etwas abzufedern, sondern auch die Folgen – wie etwa extrem heiße Sommer – etwas erträglicher zu machen.

Eines zum Schluss noch: Das Anti-Dämm-Argument „lohnt nicht!“ ist jetzt bei Purtul weitgehend auf den Vorwurf geschrumpft, dass es früher mal überzogene Einsparversprechen gab. Was nicht gesagt wurde: Diese Kritik ist angenommen worden, unrealistische Versprechen sind weitgehend verschwunden. Und was nun gar nicht erst gesagt wurde: Es gibt tausende Beispiele, in denen alles genauso gekommen ist, wie es die Baufachleute vorher berechnet hatten. In Deutschland stehen mittlerweile ungezählte Bauten, die durch weitsichtige energetische Sanierung (inklusive Fassadendämmung) sehr wenig Energie verbrauchen und ein behaglicheres Wohnraumklima bieten.Wer sich davon ein Bild verschaffen möchte, möge einmal hierhin klicken: http://www.mehr-als-rauputz.de/kundenstimmen.whtml

 

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Kommentare  

Arnold Drewer Dienstag, 17. November 2015 13:05
Hallo Ronny, gut geschrieben! Ich befürchte nur, dass die Adressaten den Artikel nicht lesen (weder die Zuschauer, auch nicht Herr Güven Purtul). Wie wär's, den Artikel an Herrn Purtul als Einschreiben mit Rückschein zu senden? dämmende Grüße Arnold Drewer
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