Ronny Meyer Kritik an der Dämmkritik: Mit Übertreibung und Suggestivfragen zum Skandal, der keiner ist

Dass das Thema „Wärmedämmung“ einmal spannend wie ein Krimi werden würde, hatte ich bisher nicht für möglich gehalten. Doch seit einiger Zeit häufen sich Berichte auch in seriösen Medien, die Unglaubliches ans Tageslicht befördern: Beispielsweise dass Dämmung nicht oder nur unzureichend dämmt. Dieser Aussage bin ich nun einmal selbst auf die Spur gegangen. Welches Motiv haben Journalisten, einen regelrechten Feldzug gegen die Dämmung zu inszenieren? Ist an den Vorwürfen etwas dran oder handelt es sich dabei nur um reißerische Beiträge mit dem Ziel, Auflagen und Einschaltquoten zu steigern? Das waren jetzt zwei Suggestivfragen von mir, die man bei gutem Journalismus nicht benötigt. Ich habe diese beiden Fragen hier nur gestellt, um die manipulative Wirkung dieser Fragen aufzuzeigen. Ob Journalisten ein Motiv haben, einen Feldzug gegen Dämmung zu inszenieren oder ob sie die Auflage steigern wollen, kann ich nicht wissen. Aber ich kann den Gedanken in den Raum stellen. So einfach ist das.

Zurück zum Thema: Als Bauingenieur und Fachjournalist setze ich mich seit vielen Jahren für die energetische Sanierung und den energiesparenden Neubau ein, habe vor einiger Zeit unter dem Titel „Modernisierungsoffensive Rhein-Main“ einige Handwerkernetzwerke gegründet und habe großes Interesse daran, die Realität zu kommunizieren. Ich habe vor 14 Jahren das erste Passivhaus ohne Mehrkosten gebaut und kenne viele Menschen, die in Effizienzhäusern, in Null-Energiehäusern und in Energiegewinnhäusern wohnen. Alle diese sehr energieeffizienten Gebäude funktionieren nur, wenn alle bautechnischen „Stellschrauben“ optimal genutzt werden. Dazu gehört auch die Fassadendämmung und natürlich auch Polystyrol. Dieses auch als Styropor bekannte Material liefert alle bautechnischen Eigenschaften, die man für Effizienzhäuser benötigt – und das zu einem niedrigen Preis. Styropor ist eine Erfolgsgeschichte. Wer hat Interesse, dieses Material derart unter Beschuss zu nehmen? Mein eigenes Haus habe ich auch mit Styropor gedämmt und bin mit dem Ergebnis voll und ganz zufrieden. Vor allem meine niedrigen Heizkosten bei gleichzeitiger Behaglichkeit faszinieren mich jeden Tag aufs Neue.

Mitte November wurde in der WDR-Sendung „Könnes kämpft“ der Vorwurf erhoben, dass Dämmplatten nicht immer den versprochenen Wert erreichen. Sie seien schlechter, dämmten weniger. In einer Abfolge schneller Bilder und mit einer Vielzahl von Suggestivfragen formulierte der „WDR-Verbraucheranwalt“ Dieter Könnes Anschuldigungen gegen Dämmplatten und deren Hersteller. Beim Betrachten der Sendung kam ich ins Grübeln: Warum erzählt Dieter Könnes etwas komplett anderes als das, was ich selbst und vermutlich Tausende von Kollegen von mir und Millionen Bürger täglich erleben? Ein investigativer Journalist könnte nun fragen: Handelt es sich bei „Könnes kämpft“ um eine Sendung, die manipuliert? Werden Fernsehzuschauer bewusst nicht neutral informiert? Das waren jetzt zwei weitere Suggestivfragen.

Ich schaue mir jede einzelne Sequenz der Sendung „Könnes kämpft“ sehr genau an. So wird etwa die Materialprüfanstalt Neuwied mit der Prüfung von Dämmplatten beauftragt. Und das, obwohl diese Institution nach eigener Auskunft nur ein „kompetenter Partner für die Durchführung von Materialprüfungen von mineralisch gebundenen Baustoffen“ ist, zum Beispiel Mauerwerk. Die bei „Könnes kämpft“ geprüften Dämmplatten bestanden aber aus Polystyrol, ein organisches Material. Könnes verschweigt zudem die Verbindung der Prüfanstalt zur Mauerwerks- und Leichtbeton-Industrie, die rund um Neuwied („Neuwieder Becken“) angesiedelt ist. Im Neuwieder Becken wird Bims abgebaut. Daraus werden schon seit Jahrzehnten Dämmsteine hergestellt. Ich frage mich, warum Könnes in seiner Sendung in aller Ausführlichkeit die Verbindung der Dämmindustrie zu deren Prüfinstituten kritisch in den Fokus rückt und anmahnt, die Hintergründe rund um Neuwied aber mit keinem Wort erwähnt. Ein investigativer Journalist könnte nun fragen: Möchte Könnes seinen Zuschauern ein einseitiges Bild liefern? Randbemerkung: Ich halte weder die eine, noch die andere Kooperation für verwerflich.

Dann mache ich mir Gedanken zur Methode, mit der die Dämmplatten geprüft wurden. Dazu muss man wissen, dass die Wärmeleitzahlen von Mauerwerk im Bereich von 1,0 bis 0,06 W/mK liegen, während Dämmstoffe in aller Regel zwischen 0,05 und 0,02 W/mK liegen. Ein investigativer Journalist könnte nun fragen: Sind die Geräte, die in Neuwied verwendet werden, für die Messung von Dämmplatten überhaupt geeignet? Weiterhin gibt es unterschiedliche Prüfverfahren. Genaue und weniger genaue. Welche Prüfverfahren hat Dieter Könnes gewählt? Die sehr genauen sind auch sehr teuer. Wer hat die Prüfungen bezahlt? Oder wurden preiswertere, ungenauere Prüfmethoden durchgeführt? Wie viele Messreihen wurden durchgeführt?

Zum Schluss der Reportage ist für einen Augenblick ein Messprotokoll der Wärmeleitfähigkeitsmessung aus Neuwied eingeblendet: Es sind tatsächlich einige Werte schlechter als sie sein dürften. Es geht dabei zwar nur um eine Differenz von beispielsweise 0,0026 W/mK, aber der Grenzwert wird nun mal nicht erreicht. Ich frage mich, warum Könnes am Schluss seiner Sendung diese Zahlen nur ganz kurz ins Bild hält und seinen Triumph, dass er etwas Schwerwiegendes gefunden hat, was nicht rechtens ist, nicht viel genüsslicher zelebriert? Sagen die Zahlen eventuell etwas ganz anderes aus, als sie augenscheinlich vermuten lassen? Ich komme mit meinen Überlegungen zunächst nicht weiter.

Ich rufe den in der Könnes-Sendung zitierten Neuwieder Prüfer Henning Rohowski an und frage nach weiteren Hintergrundinformationen, die er mir jedoch nicht geben darf. Die Ergebnisse seien Eigentum des Auftraggebers WDR. Auf weiteres Nachfragen in einem insgesamt sehr entspannten Gespräch bestätigt er mir quasi unter Kollegen, dass man die bei „Könnes kämpft“ gemachten Aussagen in einen „objektiven Kontext“ stellen müsse. Dann legt er auf.

Was meint er mit „objektivem Kontext“? Ich rechne aus, wie hoch der Schaden wäre, wenn man ein Altbau-Einfamilienhaus vollständig mit den von Könnes geprüften, schlechteren Platten dämmen würde. Bei einer 16 Zentimeter dicken Fassadendämmung hätte man bei den aktuellen Energiepreisen – je nach Mauerwerksanteil (Verhältnis Fassade zu Fenster) – einen Schaden von etwa 5 bis 7 Euro pro Jahr aufgrund eines höheren Wärmedurchgangs. Natürlich darf das nicht sein und es ist juristisch zu prüfen, ob eine Zielwertüberschreitung von 0,0026 W/mK rechtens ist. Aber bei einem Schaden von 5 bis 7 Euro pro Jahr von einem Skandal zu sprechen, erscheint mir arg weit hergeholt. Das ist beispielsweise nichts im Vergleich mit den Heizkostennachzahlungen, die Hauseigentümer und Mieter in der Vergangenheit Jahr für Jahr zu bezahlen hatten. Dennoch bin ich noch nicht zufrieden.

Was meinte Henning Rohowski mit „objektivem Kontext“? Dachte er eventuell an die insgesamt erzielbare Energieeinsparung beim Einfamilienhaus mittels Styropor, die nicht selten bei 1.500 Euro oder sogar darüber liegt? Dann wäre der Schaden von 5 bis 7 Euro geradezu lächerlich und die von Könnes als Skandal dargestellte Erkenntnis nichts wert.

Und dann komme ich auf die Lösung: Wir können bereits seit Jahrzehnten energieeffiziente Häuser bauen. Fensterhersteller, Steineproduzenten und auch die Dämmstoffindustrie haben in den vergangenen Jahren alles aus ihren Materialien herausgeholt, was man unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten technisch machen konnte. Immer spielten die Wärmeleitfähgkeit und auch die U-Werte eine entscheidende Rolle. Manche Steinehersteller sind in meiner Wahrnehmung schon vor Jahren an Grenzen gestoßen, als man den Lambda-Wert von 0,10 W/mK unterschritten hatte. Das Material wurde wärmetechnisch zwar noch eine winzige Spur besser (0,08 W/mK, 0,07 W/mK), war aber auf der Baustelle nicht mehr ganz so problemlos wie vorher zu verarbeiten (manche Steine zerbröselten auf der Baustelle, manche waren insgesamt nicht mehr ganz so bruchstabil). Als Bauingenieur wusste ich schon damals: Aus Steinen mit dem Wert Lambda 0,10 W/mK kann man ganz wunderbar energieeffiziente Neubauten errichten, ohne insgesamt Qualitätseinbußen hinnehmen zu müssen.

Jetzt gelange ich zu einer nüchternen Bestandsaufnahme: Man muss bei den heutigen Baustoffen nicht bis an die jeweilige technische Grenze gehen, um extrem energieeffiziente Häuser zu bauen (meinte das etwa Henning Rohowski mit „objektivem Kontext“?). Wenn Dämmplatten um 0,0026 W/mK schlechter sind als angegeben, dann liefert der Hersteller zwar nicht die versprochenen Qualität, aber das, was er liefert, ist dennoch vollständig geeignet, um das gewünschte Ergebnis zu bekommen: nämlich ein Effizienzhaus. Mauerwerkssysteme und Dämm-Verfahren bieten dafür viele bewährte Kombinationen. Ich frage mich nun: Wo ist der echte Skandal bei Könnes?

Ich stelle mir vor, dass die Menschen nun derart verunsichert sind und sich gegen Dämmung entscheiden. Was wäre, wenn Styropor vom Markt verschwinden würde? Sobald die Energiepreise wieder richtig anziehen, könnten die Menschen erkennen, dass die eigenen Nachbarn im gedämmten Haus nur einen Bruchteil der eigenen Energiekosten haben. Wenn diese Menschen dann auch ihr Haus dämmen möchten, es aber den preiswerten Dämmstoff Polystyrol nicht mehr gibt, und sie sich keine Fassadendämmung mehr leisten können, vielleicht auch, weil es keine Subventionen mehr für Energieeffizienzhäuser gibt, dann sitzen alle Menschen, die in ungedämmten Häusern leben, in der Energiekostenfalle: bezahlen oder frieren?

Dieter Könnes: Für wen kämpfen Sie wirklich?

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4 Kommentare zu „Kritik an der Dämmkritik: Mit Übertreibung und Suggestivfragen zum Skandal, der keiner ist“

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  • ReWe

    2. Dezember 2014 (10:25)

    Gute Lobbyarbeit!
    Nicht zu vergessen/verschweigen! Es brennt wie Zunder!
    http://youtu.be/LoRK_X4twA0
    http://youtu.be/AWD0HeZLufM

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    • Herbert

      8. Dezember 2014 (23:11)

      Sehr geehrter Herr ReWe,
      wenn Sie einen Kommentar verfassen, dann nutzen Sie doch bitte die Gelegenheit Ihre Argumente vorzutragen. Stattdessen verweisen auf Lobbyarbeit und auf zwei links.

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    • Matin Maier

      11. Dezember 2014 (11:04)

      Sie sagen es Herr Rewe – Lobbyarbeit , aber in diesem Fall durch Sie !

      Es brennt nicht wie Zunder ! Diese Behauptung ist schlichtweg falsch und disqualifiziert Sie a dieser Stelle.
      Wenn man die Brandfälle genau betrachtet, macht das Styropor genau das was es als B1 Baustoff machen soll: Es ist schwer entflammbar, und brennt von selbst nicht.

      Das sieht man schön im Berliner Brandszenario, wenn man denn möchte !

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