Die Vorstellung, dass eine Wärmedämmung Schimmel verursacht, hält sich leider immer noch recht hartnäckig in der öffentlichen Diskussion. So mussten wir uns in der Energieagentur erst vor einigen Wochen mit einem Artikel der lokalen Badischen Zeitung auseinandersetzen, Überschrift:

„Gut gedämmte Häuser haben vermehrt Probleme mit Schimmel“. Zwei Energieberater vertraten darin die Ansicht, dass moderne Effizienzhäuser in Zukunft immer häufiger mit Schimmel zu kämpfen haben würden, denn diese seien hermetisch dicht und der Schimmel daher vorprogrammiert. Solche Beispiele zeigen, wie wichtig es ist, hier differenziert zu argumentieren. Das Problem ist nicht der Dämmung, sondern der Luftdichtheit und der fehlenden Lüftung zuzurechnen. Diese Botschaft muss bei manchen Kritikern erst noch ankommen. Die Lüftung wird jedenfalls in den kommenden Jahren ein zentrales Thema bei der Diskussion um energieeffizientes Bauen und Sanieren sein.

Umso besser finde ich, dass die meisten Architekten, Energieberater und Fachplaner die Dringlichkeit der „Lüftungsfrage“ erkannt haben. Bei unserem Thementag Lüftung Mitte Februar hatten wir mit über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern jedenfalls volles Haus. Dort haben wir in Kooperation mit der Industrie verschiedene Lüftungssysteme und die Anforderungen an einen effizienten Betrieb von Lüftungsanlagen vorgestellt. Ich hoffe, dass die Teilnehmer ihre theoretischen Erkenntnisse aus dem Seminar mit in die tägliche Praxis nehmen und möglichst viele Leute davon überzeugen, bei der Lüftungsanlage nicht an der falschen Stelle aufs Geld zu schauen. Denn eines ist klar: Kein modernes energieeffizientes Haus und keine Sanierung zum Effizienzhaus sollte ohne eine Lüftungsanlage auskommen.

Zur Erinnerung: Was ist Schimmel und wie entsteht er?

Schimmel kann dort entstehen, wo warme, feuchte Raumluft auf kalte Oberflächen trifft und kondensiert. Entgegen der landläufigen Meinung, dass die Wärmedämmung den Luft- und Wasserdampfdurchgang durch die Wand verhindert und deshalb Schimmel verursacht, hat die Wärmedämmung selbst mit der Schimmelbildung nichts zu tun. Im Gegenteil: Diese reduziert das Risiko.

Meist wird verschwiegen, dass Schimmel schon immer auftrat und gerade bei fehlender Dämmung und hoher Luftfeuchtigkeit entsteht. Entscheidend für die Schimmelbildung ist dabei die Oberflächentemperatur der Wand. Luft enthält Feuchtigkeit, die bei Raumtemperatur im gasförmigen Zustand ist. Sie kondensiert dann, wenn die jeweilige Taupunkttemperatur unterschritten wird. Bei kalten, ungedämmten Wänden kann die Bauteiloberflächentemperatur in ungünstigen Fällen unterhalb der Taupunkttemperatur liegen. Dies ist bei kalten, ungedämmten Wänden der Fall. Die Wände werden feucht und bieten so dem Schimmel eine gute Grundlage. Gedämmte Wände sind innen wärmer und verhindern so die Schimmelbildung.

Das größte Problem bei Neubauten sind Wärmebrücken bei Bauteilen wie Balkonen, Rollladenkästen, Fensterrahmen oder anderen Anschlüssen. Wärmebrücken sind bei der Schimmelbildung die Schwachstellen der Gebäude. An diesen Stellen wird mehr Wärme nach außen abgegeben als an der übrigen Wandfläche. Man muss hier besonders auf eine exakte Ausführung der Details achten. Da sind Handwerker gefragt, die sich mit den Dämmsystemen auskennen und die die speziellen Anforderungen bei Effizienzhäusern kennen.

Bei hochgedämmten Häusern ist das Problem Schimmel daher meist weniger relevant als bei Häusern nach gesetzlichem Standard. Denn bei diesen wird in der Regel die Ausführung sehr gut überwacht, die Handwerker sorgfältig ausgewählt, außerdem ist eine Lüftungsanlage fast immer Teil des Konzepts. Auch der Gesetzgeber hat die Dringlichkeit erkannt und fordert bei jedem Neubau und bei umfangreichen Sanierungen über die DIN 1946-6 ein Lüftungskonzept ein. Die Norm fordert einen Nachweis darüber, wie bei unterschiedlichen Nutzungsbedingungen ein ausreichender Luftwechsel sichergestellt werden kann.

Das macht Sinn, denn der regelmäßige Luftwechsel ist ein weiterer entscheidender Faktor bei der Schimmelbildung. Klar könnte man dabei weiter auf eine regelmäßige Stoßlüftung durch die Bewohner setzen. Doch das Problem ist, dass vor allem berufstätige Menschen, die tagsüber nicht zu Hause sind, eine regelmäßige manuelle Lüftung nicht garantieren können. Allein deshalb ist bei dichten Gebäuden eine Lüftungsanlage sehr sinnvoll. Diese sorgt für die Grundlüftung und verhindert so die Schimmelbildung. Da sollte man auf keinen Fall am falschen Ende sparen.

Wenn über die Kosten für Lüftungsanlagen diskutiert wird, dann werden häufig die verschiedenen Anlagentypen vermischt. Zur Vermeidung von Schimmelbildung genügt bereits eine Abluftanlage, die einfach zu installieren ist und nur geringe Kosten verursacht. Noch besser ist natürlich die Variante der Be- und Entlüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung. Je besser der Energiestandard eines Hauses ist, umso höher ist der Anteil der Lüftungsverluste, da ja immer weniger Wärme durch die Transmission, den Wärmedurchgang direkt durch die Wand, verloren geht.

Der Praxistest zeigt: Je älter und schlechter das Haus gedämmt ist, umso größer die Schimmelgefahr

Die Praxis bestätigt die Theorie, wie eine Auswertung der Kolleginnen und Kollegen der Verbraucherzentrale zeigt. Sie besuchen bei ihren Energiechecks regelmäßig Verbraucher vor Ort. In einer Auswertung der Checks wurde untersucht, welche Baualtersklassen besonders vom Schimmel betroffen sind. Knapp 4.000 Beratungen wurden ausgewertet. Das Ergebnis ist eindeutig: Bewohner von älteren, schlecht gedämmten Häusern kommen fast dreimal häufiger mit einem Schimmelproblem zur Beratung als Bewohner von Neubauten.

Bei energieeffizienten Gebäuden, die nach der Wärmeschutzverordnung Mitte der 90er Jahre gebaut wurden, haben sogar noch weniger Beratungsbedarf in Sachen Schimmel. Interessant wäre es, mal einen unsanierten alten Stadtteil mit einem neuen Stadtteil, in dem strenge Kriterien für die Energieeffizienz der Häuser vorgegeben sind, beim Thema Schimmel zu vergleichen. Ich bin mir sicher, dass die energieeffizienten Gebäude als klarer Sieger aus diesem Vergleich herausgehen würden.

Der Artikel in der Badischen Zeitung war übrigens am Ende gar nicht so schlecht, wie die Überschrift zunächst glauben ließ. Das Problem sei, dass der Einbau einer Lüftungsanlage häufig am Preis scheitere. Genau hier müssen wir beim Gespräch mit Haus- und Wohnungsbesitzern ansetzen. Wir müssen sie überzeugen, dass eine moderne Lüftungsanlage nur Vorteile hat. Beim modernen Effizienzhaus sollte eine Lüftungsanlage keine Kür, sondern die Pflicht sein.

 

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Kommentare  

Dezentrale Wohnraumlüftung Donnerstag, 30. Juni 2016 10:26
Macht eine dezentrale Wohnraumlüftung Sinn, wenn man häufig Problem mit Schimmelbildung hat? Liebe Grüße und Danke im voraus!
Antworten
Andrea Hofmann Mittwoch, 30. März 2016 20:00
Hallo ich habe in meiner Wohnung (direkt unter dem Dachstuhl welcher weder gedämmt noch isoliert ist )während des Winters immer wieder Schimmel unter der Decke in jedem Zimmer heisst jedes Jahr neu renovieren die Luftfeuchtigkeit beträgt ca 47% ist das normal? Was kann ich dagegen tun? LG Andrea
Antworten
Ronni Mittwoch, 15. April 2015 18:59
Die Meinungen bei Lüftungen gehen sicherlich auseinander. Stark davon abhängig, auf welche Materialien man sich beim Bau verlässt. Grundsätzlich halte ich den technologischen Fortschrift bei Lüftungsanlagen als begrüßenswert und bringt sicherlich eine Wert- und Komfortsteigerungen der einzelnen Objekte mit sich.
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