Andreas Kühl Graue Energie von Dämmstoffen: Mehr Transparenz würde helfen

Die energetische Sanierung von Gebäuden und die energetischen Anforderungen an Neubauten stehen zunehmen in der Kritik. Höhere energetische Anforderungen sollen nicht nur das Bauen verteuern, was oft widerlegt wird. Es wird auch oft behauptet, dass der Energieverbrauch zur Herstellung der Wärmedämmung sehr hoch ist und gar nicht oder erst nach langer Zeit eingespart wird. Die graue Energie vor allem von Dämmstoffen, die auf fossilen Energien beruhen sei so hoch, heißt es oft. Auch das kann widerlegt werden. Aber wie und wo findet man Angaben darüber? Noch gibt es wenig Transparenz und kein Verfahren, das in einem Rechenprogramm neben dem U-Wert eines Bauteils auch die versteckte graue Energie angibt.

Was ist graue Energie?

Der Begriff „Graue Energie“ stammt aus der Schweiz. Er wurde eingeführt, um die im Gebäude „versteckte“ Energie für Bauherren und Gebäudeplaner in den Fokus zu rücken. Die graue Energie umfasst den nicht sichtbaren Energieaufwand von Bauprodukten. Dazu gehört die Herstellung der Produkte, die Erstellung des Gebäudes, sowie der spätere Rückbau des Gebäudes und die Entsorgung der Produkte. Somit kann man also den gesamten Lebenszyklus der Bauprodukte betrachten.  Das Merkblatt 2032 des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins SIA, besagt, dass in energieeffizienten Gebäuden die gleiche Menge graue Energie steckt, umgerechnet auf Jahreswerte, wie Betriebsenergie.

Das SIA-Merkblatt gibt typische Werte für die graue Energie eines Gebäude von 1500 MJ bis 5000 MJ je Quadratmeter Geschossfläche an. Das entspricht einem Bereich zwischen 14 und 42 kWh pro Quadratmeter und Jahr bei einer Betrachtungszeit von 30 Jahren. Wir sehen also, die versteckte Energie kann in einem hocheffizienten Gebäude genau so hoch sein wie der jährliche Wärmebedarf, die sichtbare Energie. Die graue Energie ist also mit steigender Effizienz immer wichtiger. Allerdings spielt auch der Zeitraum eine Rolle, also ob wir 30, 50 oder 80 Jahre Lebensdauer ansetzen.

In Deutschland verwenden wir den Begriff „Graue Energie“ in der Umgangssprache. Fachlich betrachten wir den kumulierten Energieaufwand beziehungsweise Primärenergieaufwand nach der VDI 4600. Bereits die Betrachtung der Betriebsenergie von Gebäuden ist komplex, bei der versteckten Energie sieht das nicht einfacher aus. Sie enthält sehr viele Voraussetzungen, wie die Produktionstechnologie der Hersteller oder auch den Produktionsstandort. Der kumulierte Energieaufwand kann sich also nicht nur von Produkt zu Produkt unterscheiden, er kann auch bei unterschiedlichen Herstellern andere Werte annehmen.

Wie stellt man die graue Energie von Dämmstoffen dar?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten zur Quantifizierung der grauen Energie von Dämmstoffen:

  • Primärenergiehalt: Der Primärenergieinhalt (PEI) von Dämmstoffen gibt den Energieverbrauch in Megajoule (MJ) an, der zur Herstellung des Produktes notwendig ist. Dazu gehören auch die verwendeten Rohstoffe.
  • Primärenergieverbrauch: Der Primärenergieverbrauch (PEV) beinhaltet die Energie für die Herstellung, inklusive Energieverbrauch für die Gewinnung der Rohstoffe, für Transporte und Vorstufen der Produkte.

Mit dem Primärenergieverbrauch kann man die energetische Amortisation ermitteln. Dazu stellt man den PEV den erzielbaren Einsparungen durch den Dämmstoff gegenüber. Das Forschungsinstitut für Wärmeschutz (FIW) sagt in seiner Metastudie Wärmedämmstoffe (siehe auch Kapitel 5.2, Energetische Amortisation,  http://www.fiw-muenchen.de/media/pdf/metastudie_waermedaemmstoffe.pdf), dass sich mit Dämmstoffen immer mehr Energie einsparen lässt als für die Herstellung verbraucht wird. Die Forscher vergleichen eine energetische Amortisationsdauer von unter einem Jahr mit einer Nutzungsdauer von mehr als 25 Jahren.

Neben der energetischen Amortisation gibt es auch noch die ökologische Amortisation. Diese gibt die vermiedenen CO2-Emissionen an unter Berücksichtigung der Emissionen aus dem Primärenergieverbrauch. Man spricht auch von vermiedenem Treibhauspotenzial durch zusätzliche Wärmedämmung oder von dem verursachten Treibhauspotenzial durch die Herstellung.

Schwierigkeiten in der Ermittlung der grauen Energie bei Dämmstoffen

Der Primärenergieverbrauch von Dämmstoffen spielt im Planungsalltag noch keine Rolle. Bislang ist nur die Nutzungszeit und damit die Einsparung gefragt. Im Zuge der Debatten über die Sinnhaftigkeit von zunehmender Wärmedämmung, Dämmmaßnahmen allgemein oder über die ökologische Wirkung beziehungsweise die Nachhaltigkeit von Dämmung gewinnt die Frage nach der energetischen und ökologischen Amortisation jedoch Bedeutung. Wer diese Fragen beantworten möchte, muss aber noch einen großen Aufwand betreiben und nach den Daten suchen. Wenn mehr Klarheit gewünscht ist in der Diskussion über die Amortisation von Dämmstoffen, dann brauchen wir mehr Transparenz und ein einfaches Verfahren zur Angabe des Primärenergieverbrauchs oder der energetischen Amortisation. Damit könnten wir viele Missverständnisse vermeiden.

Quellen für den Primärenergieinhalt von Dämmstoffen

Wo findet man Daten über den Primärenergieinhalt von Dämmstoffen. Hier sind einige Quellen, die man dafür nutzen kann.

 

 

 

 

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1 Kommentar zu „Graue Energie von Dämmstoffen: Mehr Transparenz würde helfen“

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  • Martin Zeumer

    11. Oktober 2018 (14:05)

    Ein spannender Artikel zum Thema Graue Energie von Dämmstoffen.

    Um als Interessierter selbst Dämmstoffe vergleichen zu können, eignen sich vor allem die Daten der Ökobaudat des Bundes. Hierüber werden Vergleiche schnell und einfach möglich – insbesondere wenn man den Bauteilnavigator nutzt. So sind auch rohstoffliche Vorteile von Dämmstoffen (z.B. auf Basis von nachwachsenden Rohstoffen) klar ersichtlich.

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